Geschichtliches & Anekdotisches Zur Thalkirchenorgel

Informationen über unsere Orgel zum Herunterladen: Festschrift zur Orgelrenovierung 2000 (PDF auf der Download-Seite). Außerdem findet sich dort eine kurze Schrift zu ”125 Jahre Thalkirchenorgel“ mit Hintergrundinformationen von Andreas Karthäuser.

Erbaut wurde die Thalkirchenorgel 1883 von Gustav Raßmann, einem der führenden Orgelbauer in Nassau. Die Orgel war von sehr gediegener handwerklicher Qualität, und dürfte auch schon früher einen rustikal-herzhaften Klang besessen haben.  Eine Besonderheit war schon immer der hohe Anteil an Holzpfeifen. Diese verleihen der Orgel einen warmen, grundtonreichen Klang. Fragen wirft ein Teil der Metallpfeifen auf, der sich von den anderen Pfeifen baulich unterscheidet. Rückblickend wird es kaum zu beantworten sein, ob diese Pfeifen von einem anderen Hersteller bezogen, oder, aus welchen Gründen auch immer, nachträglich eingebaut wurden.  Im Orgelgehäuse wurde bei den Renovierungsarbeiten eine Unterschrift von August Christian Hardt, einem Gesellen und späteren Nachfolger Raßmanns, aus dem Jahre 1912 gefunden*). Dies lässt vermuten, dass knapp 30 Jahre nach Fertigstellung eine Orgelbau-Maßnahme erfolgt sein könnte, höchstwahrscheinlich eine Ausreinigung.  Dies war genau in der Zeit, als am theologischen Seminar in Herborn den jungen Theologiestudenten beigebracht wurde, was die schönste Pfarrei in Nassau sei, nämlich Sonnenberg bei Wiesbaden! **) 

1917 mussten während des 1. Weltkriegs in Deutschland die Zinnpfeifen der Orgelprospekte zu Rüstungszwecken abgegeben werden. Diese wurden dann durch klanglich und optisch minderwertigere Zinkpfeifen ersetzt.  Bis zum Abbau der Orgel im Zuge der Kirchenrenovierung***) 1994 war am Eingang des Orgelgehäuses eine Reihe verbogener Pfeifen sichtbar. Es ist nicht restlos geklärt, ob dies auf die Hektik bei dem Bombenangriff auf Wiesbaden in 1945 zurückzuführen ist, oder auf eine etwas unsensiblere „Orgelbesichtigung“.  In den 50er Jahren wurde der Blasebalg, der bis dato rechts von der Orgel auf der Empore stand, auf den Dachboden verlegt, und die Orgel mit einem elektrischen Gebläse versehen. Dabei wurde auch die Balgtretanlage umgebaut, wahrscheinlich, um auch bei Stromausfällen die Orgel spielen zu können. Leider hat die Tretanlage in den letzten zehn bis zwanzig Jahren nicht richtig funktioniert. Ob sie nach der Balgverlegung überhaupt je funktioniert haben mag, erscheint fraglich.  Ab Ende der siebziger Jahre häuften sich die Beschwerden über den Zustand der Orgel. Sie betrafen vor allem die Schwergängigkeit der Mechanik, die Windversorgung und den Klang der Pfeifen.

Obwohl die handwerkliche Substanz des Pfeifenmaterials von hoher Qualität war, ließ deren aktueller Zustand z.T. sehr zu wünschen übrig.  Mit der erfolgten Renovierung durch die Orgelbaufirma Bosch aus Niestetal bei Kassel, wurde das Instrument grundlegend instand gesetzt, klanglich veredelt und in einen optimalen Zustand gebracht. Die ca. 3 1/2-monatigen Arbeiten umfassten eine gründliche Überarbeitung der Balganlage, der sog. „Windlade“, aller mechanischen Teile einschließlich Traktur und Spieltisch, sowie der insgesamt 611 Pfeifen, inklusive der eigens für diese Orgel erfolgten Anfertigung hochwertiger Zinnpfeifen für den Orgelprospekt. 

Die Windversorgung der Orgel wurde durch verschiedene Maßnahmen verbessert und soweit optimiert, dass nun von einem sensiblen Wind die Rede sein kann, wie er sich für eine historische Orgel gehört. In diesen Zusammenhang gehören auch der Einbau eines sog. „Stoßfängers“ und eines Tremulanten, sowie als „Sahnehäubchen“ der Wiedereinbau einer von Ortsvorsteher Dr. Werner Jopp und vom Ortsbeirat Sonnenberg gemeinschaftlich gestifteten Calcantenglocke.  Eine Rekonstruktion der geschnitzten Verzierungen oberhalb der seitlichen Pfeifenfeldererfolgte nachträglich. Diese Verzierungen haben gleichzeitig einen architektonischen und einen theologischen Sinn: sie sind der „krönende“ Abschluss der bewusst gestalteten Einheit von Altar, Kanzel und Orgel.
Hoffen wir, dass die Orgel jetzt wieder für lange Zeit ihren Dienst zum Lobe Gottes versehen, und die Gemeinde mit ihren Klängen erfreuen möge!

Die Vorgeschichte der Orgelrenovierung reicht bis in die siebziger Jahre zurück. Bestimmte Mängel, wie z.B. die schwere Spielbarkeit, der nicht mehr befriedigende Zustand vieler Pfeifen, und natürlich das Fehlen eines echten Zinnprospektes in der von der Substanz her sehr gediegenen Orgel, hatten eine Renovierung dieses denkmalgeschützten Instruments immer wieder zum Thema werden lassen. Kirchengemeinde und Kirchenvorstand haben also über die Jahre hinweg einen langen Atem bewiesen, die mit nicht unerheblichen Kosten versehene Orgelrenovierung möglich zu machen. Ein hervorragende Rolle bei der Orgelrenovierung spielte die hohe Spendenbereitschaft der Sonnenberger Gemeindeglieder und -Gruppen. Ein bemerkenswert hoher Anteil von etwa zwei Drittel der Renovierungskosten konnten durch Spenden bezahlt werden!

Besonders zu erwähnen sind hier vor allem das langjährige Engagement der Spinnstube und des evangelischen Kirchenchores, sowie das großzügige Engagement vieler Privatpersonen, die mit zahlreichen Einzel- und Sammelspenden die Renovierung der Thalkirchenorgel und die Rekonstruktion der Prospektpfeifen aus Zinn, sowie des geschnitzten Zierwerks erst ermöglicht haben. Ein besonderes Geschenk wurde der Gemeinde durch die Stiftung einer Calcantenglocke samt Calcantenzug durch den Sonnenberger Ortsvorsteher Dr. Werner Jopp und den Sonnenberger Ortsbeirat zuteil. Ebenso gilt unser Dank der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die ihrerseits das Orgelprojekt in Form von Zuschüssen und Darlehen unterstützt hat

Andreas Karthäuser

*) Entdeckt von Orgelbauer Katzmann,  Mitarbeiter der Fa. Bosch
**) Nach einer Aussage des Pfarrers Theodor Spehr im Jahr 1989 gegenüber dem Verfasser
***) Anders als in der Orgel des Gemeindesaals wurde in der Thalkirchenorgel kein Mäuseskelett entdeckt

Brummen und AufstapfenDie Orgel zum Teufel stehen lassen
Erlesenes aus der Sonnenberger Schulchronik aus dem Jahre 1821

Einführung
Sonnenberg war um 1820 Zeit ein nassauischer Burgflecken mit eigenen Stadtrechten. Es hatte rund 650 - überwiegend protestantische - Einwohner, deren Kinder alle von einem einzigen Lehrer Schulunterricht erhielten. Zu den Aufgaben des Lehrers gehörte außerdem der Küster-, Glöckner- und Organistendienst. Dass schon damals neue Formen von Kirchenmusik nicht immer auf ungeteilte Zustimmung stießen, musste der Lehrer und Organist Ludwig Kolb vor fast zweihundert Jahren in der Sonnenberger Thalkirche erfahren.

Dieser Bericht wurde von dem Wiesbadener Heimatforscher Walter Czysz in der Chronik der Sonnenberger Elementar-Schule 1820 - 1923 entdeckt, und aus der alten Handschrift ins Hochdeutsche übertragen. Walter Czysz hat zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte Wiesbadens und Sonnenbergs herausgebracht, und gilt als einer der kompetentesten Heimatforscher in der Region.

Ein herzliches Dankeschön an Herrn Czysz für die freundliche Überlassung des Manuskripts zum Abdruck!
Andreas Karthäuser

Brummen und Aufstapfen
Aus der Chronik der Sonnenberger Elementar-Schule 1820-1923
Aufgestellt vom Lehrer und Organisten Johannes Ludwig Kolb

Feierlichkeit
Zur Erhöhung der religiösen Feierlichkeit auf Ostern (1821) stimmte der Herr Pfarrer mit mir darin überein, am Anfang und am Schluss des Gottesdienstes jedesmal mit den Schülern einen der Feier des Festes würdigen 3-stimmigen Choral-Gesang zu singen. Am ersten Ostertage Nachmittag wurde zu dem Ende das Lied aus dem eingeführten Gesangbuch No. 401 Mein Geist erstaunet, allmächtiger pp. mit der Melodie: Lobt Gott ihr Christen, allzugleich, aufgeführt.

Ekelhafte Disharmonie
Kaum war der Gesang angefangen, als sich schon einzelne Stimmen der älteren Personen einmischten, und nach und nach immer mehrere, und das mit wesentlichen Abweichungen von der Diskantstimme, welche eine Abtheilung der Kinder sang, so, dass dadurch eine ekelhafte Disharmonie entstand. Ich ersuchte hierauf die Gemeinde, die Kinder doch allein singen zu lassen. Meiner Bitte wurde zwar willfahrt, allein man bemerkte hierauf unter den Mannspersonen allgemeine Unruhe und Gezische, und nach wenigen Augenblicken brachen ohngefähr 30 bis 40 Männer und Burschen auf, sagten: Wenn wir nicht singen sollen, so wollen wir auch nicht in der Kirche bleiben, und verließen dieselbe mit Brummen und Aufstampfen. Doch einigermaßen zu meiner Beruhigung vernahm ich bald nachher, dass eigentlich auch nur diese Anzahl zu den Uebelgesinnten gehörte, die Übrigen dagegen jenes Benehmen selbst schon in der Kirche mit Unwillen vernehmlich missbilligten. (...)

Widernatürliche Schleiffen
Die meisten Melodien des eingeführten Gesangbuchs werden zwar von hiesigen Kirchengemeinde mit hinlänglicher Fertigkeit, nur zu schleppend, und am Ende mancher Strophen mit widernatürlichen Schleifen verbunden, gesungen. Das Schleppende hat sich jedoch seit meines Hierseins etwas verloren, aber mit der Verbesserung des andern bemerkten Missstandes wollte es mir bisher weniger gelingen. Das schlimmste dabei ist, dass die meisten Einwohner, besonders Benders Schüler, ihren Kirchengesang für gut, viele sogar für unverbesserlich halten.

Das allzu langsame Singen suchte ich besonders durch ein etwas bemerkbar schnelleres Spielen der Orgel zu verbessern, und um die widernatürlichen Schleifen zu verhindern, spielte ich den Choral in seiner natürlichen Gestalt und ließ dann, um die Gemeinde auf den Missstand aufmerksam zu machen, zu weilen die Orgel einige Augenblicke, und zwar so lange schweigen, bis die unnatürliche Schleife vollendet war. Dieses Verfahren gab unlängst folgenden Subjecten Veranlassung, mich aufs gröblichste zu beleidigen: Jacob Wagner, Kirchenvorsteher, Johann Conrad Wintermeyer, Schulvorsteher, Joh. Philipp Fill, Gemeinde-Vorsteher, Johann Georg Scheib, Wilhelm Peter Dörr und Joh. Philipp Dörr, (der) 3t

Anstößiges Gemurmel
Es war auf Sonntag Cantate, den 27ten April, bei dem Vormittags-Gottesdienst, dass die Melodie: Was Gott thut, ist wohl gethan pp. gesungen und am Ende des ersten und zweiten Theils mit gedachten Schleifen entstellt wurde. Ich hielt daher, so, wie ich bemerkte, einigemal auf zu spielen, vernahm aber schon während des Gesangs ein anstößiges Gemurmel, doch ohne mir noch dessen Bedeuten denken zu können. Auch entging meiner Wahrnehmung, dass einer von obigen Subjecten (es soll Jacob Wagner gewesen seyn) sogar mit einem Fluch sein Buch zu schlug, und den übrigen Ruhestörern zurief, sie möchten sich nur gedulden, am Schlusse des Gottesdienstes würden sie schon die Sache zu ändern wissen. Man hielt Wort. Der Gottesdienst nahm diesmal ein tragisches Ende...

Tragisches Ende
Der Gottesdienst nahm diesmal ein tragisches Ende. Die genannten Menschen blieben beym Ausgang zurück; empfingen den Herrn Pfarrer mit einem ungestümen, wilden Durcheinander-schreien und zornigen Gebärden. Am Anfang dieses Auftritts war ich noch mit dem spielen zum Ausgange begriffen; dann hörte ich im wogenden Tosen Worte: Gesang ˆ Orgel ˆ pp., und war im Begriff zu glauben, man wolle mir bey der Verbesserung des Kirchen-gesangs kräftige Hülffe leisten, als in die Individuen des Bunds erkannte, deren bloßes Ansehen allein schon auf der Stelle den entgegengesetzten Glauben in mir erzeugte. Ich irrte mich nicht; denn kaum wurden sie meiner beym Heruntergehen auf der Treppe ansichtig, so warfen sie mit solche grimmige Blicke dar, die, wären sie verkörpert gewesen, meine Existenz auf der Stelle vernichtet hätten

Die Orgel zum Teufel stehen lassen
Wagner, als Mandator, schrie mir mit donnerndem, gebieterischem Gebrülle zu: Wenn ihr die Orgel nicht besser spielen wollt, dann lasst sie zum Teufel zu stehen! Andere meinten, ich sollte sie nicht singen lernen wollen, sie könnten singen, aber meine Schüler könnten es nicht und ich könne es auch nicht, und es sey doch schicklicher, dass Einer sich nach der Gemeinde richte, als die Gemeinde nach einem einzigen; ich hätte doch wohl schon gehört, dass die Gemeinde mit meiner Gesangsveränderung unzufrieden sey; warum ich mich denn nicht darnach richte?

Tumult und Bestürzung
Dies sind so einige Pröbchen der beleidigenden Vorwürfe, welche mir noch im Gedächtnis liegen, die aber nach der Äußerung von glaubwürdigen Zeugen nur die Gemäßigten gewesen seyn sollen; die noch größeren verlangte ich jedoch, da ich sie glücklicher Weise im Tumult und in der Bestürzung nicht vernommen habe, nicht mehr zu wissen, da ich ohne das jenen schon genug zu verschmerzen hatte. Doch sey hier noch bemerkt, dass ich auch mehrmals mit Du angeredet wurde...
Schnaubender Ingrimm
Doch sey hier noch bemerkt, dass ich auch mehrmals mit Du angeredet wurde. Ich bin zwar durch die Rohheit dieser Menschen in der Seele erschüttert worden und der Ausbruch eines gerechten Unwillens würde sich leicht meiner bemächtiget haben, hätte ich nicht die Gefahr bemerkt, dadurch einer körperlichen Misshandlung ausgesetzt zu werden. Ich bat daher einigemal die Tobenden mit gelassenem Geiste, sich in ihrer Hitze zu mäßigen, ich würde alsdann auf eine vernünftige Art über die Sache mit ihnen sprechen, und dann gerne bereit seyn, ihren, wie sie glaubten, rechtmäßigen Wünschen, so weit als es seyn könnte zu genügen. Allein umsonst, ich wurde angesehen als einer, der von ihrer Seite keiner Beachtung würdig seye. Auch das Zureden des Herrn Pfarrers, der mich vertheidigte, wurde gar nicht angehört, und ihr Toben währte fort, bis sie endlich mit schnaubendem Ingrimme abgingen.

Einsperren im Controllhof
Den nächsten Mittwoch war Schulprüfung. Bey dieser Gelegenheit zeigte ich den ärgerlichen Vorfall dem Herrn Schulinspector an, welcher besonders am Schlusse der Prüfung, in Gegenwart vieler erwachsenen Einwohner das rohe Benehmen obiger Subjecte auf eine Art schilderte, wie es ganz dem Character der Thäter und dem Gegenstand der Sache angemessen war. Das dabey betroffene Mitglied des Schulvorstandes, Johann Conrad Wintermeyer, hatte wahrscheinlich böse Ahndungen, denn er entfernte sich schon vor dem Schlusse der Prüfung. Bey der hierauf gewöhnlichen Sitzung zog Herr Schulinspector den Vorfall wieder stark in Erwägung, wobei aber Schultheiß Philipp Dörr die Parthey der Imploranten ergriff. Herr Schulinspector verwies ihm sein Verhalten und berichtete die Sache an Herzogliche Landes-Regierung, welche sie dem Herzogl. Amte übertrug, das dem Vernehmen nach die Schuldigen mit Einsperren in den so genannten Controllhof bestrafte.