Pro Reli oder Pro Ethik?

In Berlin steht am Sonntag (26.4. 2009) der Volksentscheid darüber an, ob Religion zum Wahlpflichtfach werden soll, das in fast allen anderen Bundesländern an den Schulen ordentliches Lehrfach ist. Bislang ist dies lediglich als zusätzliches Angebot möglich, das also nur unter weiterem Zeitaufwand für die Schülerinnen und Schüler freiwillig nutzbar ist. Dafür gibt es in den Schulklassen 7-10 verpflichtend Ethikunterricht für alle. Die Kampagne Pro Reli will mit prominenter Unterstützung - darunter Günther Jauch und Kanzlerin Angela Merkel - und gegen die Berliner Regierung unter Bürgermeister Klaus Wowereit mit einem Volksentscheid durchsetzen, dass Schülerinnen und Schüler ab der 1. Klasse an allen öffentlichen Schulen zwischen Religion und Ethik wählen können, wobei der Religionsunterricht nach Konfessionen getrennt erfolgen soll. Egal, wie man es sieht oder inhaltlich Stellung bezieht: Wahlfreiheit in der Demokratie ist immer zu begrüßen, ja ist ihre notwendige Voraussetzung. Zudem Ethik nicht weltanschaulich so neutral ist, wie es manche vorgeben. Denn „Neutralität“ gegenüber Glaubensfragen ist ebenfalls eine Richtungsentscheidung und geht oft mit systematischem Atheismus oder immanentem Agnostizismus einher, dem dann auch an sich gläubige Schülerinnen und Schüler zumeist unbewusst ausgesetzt sind. Andererseits sollen in Berlin über 59 % der Menschen nicht religiös gebunden sein. Wäre da ein flächendeckender Ethikunterricht, der die verschiedenen Glaubensrichtungen und Weltanschauungen (bis hin zur Gleichgültigkeit diesbezüglich) miteinander ins Gespräch bringt, so wie schon bisher - seit 2006 - in den Klassen 7 bis 10 nicht der ehrlichere und fruchtbarere Weg? Keine Frage, beide Meinungen haben ihre Argumente. Aus der Ferne zur aufgeheizten Diskussion in Berlin wüsste ich ehrlich gesagt nicht, wo ich mein Kreuzchen machen würde. Lassen wir also am Sonntag zunächst die Stimmberechtigten der Bundeshauptstadt entscheiden. Es kommt so oder - „Pro“.
Nachtrag: Und so kam es auch. Nämlich so, dass alles beim Alten bleibt: „Pro Ethik“. Die Wahlbeteiligung war äußerst dürftig (29,2 Prozent), und auch in diesem Rahmen gab es mehr „Nein“- als „Ja“-Stimmen. Genaueres zum Wahlverlauf findet sich beim Berliner Tagesspiegel.