Navid Kermani oder: Skandal ums Kreuz

Der Apostel Paulus wusste es schon sehr genau: Die Predigt vom gekreuzigten Jesus, immerhin von Christen als Gottessohn bekannt, ist denen, die nicht an ihn glauben, eine Torheit, ja ein Ärgernis, im griechischen Urtext wörtlich: ein skandalon (1 Korinther 1,23). Daher ist es keine Überraschung, wenn ein nicht-christlicher Islamwissenschaftler wie der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani bei der Betrachtung eines Kreuzigungsgemäldes die von ihm so wahrgenommene „Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich“ findet und diesen Anblick gar als „Gotteslästerung und Idolatrie“ beurteilt. Klar, das sind für Christen schallende Ohrfeigen. Aber hatte Paulus das nicht vorhergesagt?! Das Kreuz ist und bleibt ein Skandal, und übrigens haben ja auch viele Christen ihre liebe Mühe mit einem positiven Verständnis der Kreuzestheologie.
Kardinal Karl Lehmann und dem ehemaligen evangelischen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker jedenfalls waren diese Worte Kermanis in einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung Grund genug, den Hessischen Kulturpreis für sich abzulehnen, wenn auch Kermani ihn zugesprochen bekäme. Lehmann schrieb offensichtlich einen schroff ablehnenden Brief an Hessens Ministerpräsidenten Roland Koch mit der Folge, dass Kermani der Preis wieder abgesprochen wurde.
Dabei hatte Kermani im weiteren Verlauf seines Artikels über Guido Renis „Kreuzigung“ von 1637/38, einem Altarbild in der römischen Basilika San Lorenzo in Lucina, noch fast zärtliche, ganz gewiss einfühlsame Worte für sein evolutionäres Verhältnis zum Kreuz gefunden. Er bekennt, dass er „den Anblick so berückend, so voller Segen [fand], dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben...“.
Natürlich wird der Artikel Kermanis dadurch nicht zum christlichem Bekenntnis. Aber er ist doch eine überraschende, auch Christen nachdenklich stimmende intensive Auseinandersetzung mit dem christlichen Symbol schlechthin, dem Kreuz. Anstatt ihn zu verurteilen, wäre es besser gewesen, christliche Toleranz zu demonstrieren, gerade weil man sie bei anderen religiösen Überzeugungstätern bekanntlich nicht immer findet. Mit dem Muslim Kermani am 5. Juli auf der hessischen Bühne in Wiesbaden und in direkter, öffentlicher Diskussion hätte man kundtun können, dass Christen selbst den Gekreuzigten als Bild der Erlösung und Befreiung von den Todesmächten begreifen. Eine „Gotteskraft“, wie Paulus sagt, ist das
skandalon in Wahrheit. Das verständlich und durchaus kontrovers zu formulieren, egal wann, wie und wo, ist eine der obersten christlichen Pflichten. Flucht vor der Kritik, und empfinde man sie also noch so herb, dagegen nicht. Schade: Chance verpasst und Christen in den Ruf der Intoleranz gebracht.
Der Text von Kermani in der NZZ ist übrigens auch
online nachzulesen. Ebenso seine Stellungnahme (PDF) zur Aberkennung des Hessischen Kulturpreises in der FAZ. Es lohnt sich, beides aufmerksam zu lesen. Denn da spricht kein blasphemischer Christenfresser, sondern ein nachdenklicher Mensch. Und von denen können wir gerade in Sachen Dialog der Religionen nicht genug haben, auf allen Seiten ...